Vom Winde verweht

 

Von Pupsen, lauten Autos und strengen Winden

 

Ach Leudde, bidde:

kann mir mal jemand erklären, warum die Welt um mich herum immer lauter wird?

Abgesehen davon, dass ich in einer Stadt wie München lebe.

(Berliner*innen lachen über den Vorbau "Stadt", ich weiss. Egal.)

 

Das mit der Geräuschempfindlichkeit hat sich bei mir schon sehr früh angebahnt. Der Fachbegriff heisst übrigens Misophonie. Einen Apfel oder eine Karotte neben mir zu essen, ist für mich (würde Gerlinde sagen) schwer auszuhalten. Es sei denn, ich bin frisch verliebt. Ein tropfender Wasserhahn, ein nervöses am Kugelschreiber Rumdrücken, tickende Uhren, wippende Beine,... schlimm. Misophonie wurde mir vererbt. Liegt in der Familie, mütterlicherseits. Kann ich nichts dafür. Egal.

 

Konsequenterweise müsste ich auf einem Einsiedlerhof ohne Wasserhahn und Wanduhr leben. Dort jedoch mindestens zu zweit. Momentan lebe ich nun mal in der "Stadt", habe in den letzten 20 Jahren aus der Not eine Tugend gemacht und eine geheime Studie betrieben, die bisher noch nie veröffentlicht wurde und auch nicht wird. Ich habe sie für mich allein gemacht.

Ich teile sie mit Euch.

 

Meine Feststellung:

"Mensch" ist in den letzten 20 Jahren immer lauter geworden.

 

Ich weiss gar nicht genau wo ich mit meiner Studie beginnen soll. Bahnbrechende Erkenntnisse habe ich gefunden - nicht. Doch hat sich tatsächlich ein anderes Potpourri an Geräuschquellen entwickelt.

 

Beginnen wir bei „Doppel-B“ wie Boom-Box, also der portable Ghettoblaster, dessen Akku jedoch (leider) länger hält, als die mit 12 dicken Batterien betriebenen Ghettoblaster aus den 80-er Jahren.

Für die Umwelt natürlich besser, für das Umfeld und den Geräuschpegel fatal.

Schaue... oder besser... höre ich mich an der Isar um, ist das für mich akustisch die reinste Katastrophe - in der coronischen Zeit leider auch optisch.

Hinzu kommen die ganzen Menschen, die sich so laut unterhalten, als hätte man sie ihr ganzes Leben lang noch nie er-hört. Gut, sie müssen ja auch die ganzen akustischen Quellen übertünchen.

 

Lautes Sprechen findet jedoch nicht nur an der Isar mit oder ohne Boom-Box statt, sondern auch auf der Strasse beim Telefonieren, beim Einkaufen, beim Zurechtweisen von Mitmenschen oder Kindern,...

Kinder schreien in meinen Ohren auch lauter als früher.

Erst letzte Woche habe ich meine Eltern gebeten mir ganz ehrlich zu sagen, ob wir früher auch so laut beim Spielen o.Ä. geschrien haben, wie die Kinder neben an... ich habe mich richtig erinnert: Nein.

Mittlerweile hören sich Kinder auf den Spielplätzen teilweise so an, als wären es Todesschreie und sie kurz vorm Ableben. Egal.

Ich mag Kinder.

 

Die Autos werden auch mehr - in der Stadt und auch insgesamt auf unsrer mobil-morbiden Welt. Die Autoindustrie eben, die alte Füchsin, wie sie leibt und lebt.

In der Stadt gibt es das mittlerweile altbekannte Problem der SUVs. Die werden natürlich bitter benötigt, um u.a. die Kinder sicher bis vor die Schule zu fahren.

Die Parkplätze und der Stadtkern werden nicht größer - die Autos und Wohnklötze schon.

Ich gebe zu, früher wollte ich auch ein schönes, großes Auto haben, in das man bequem einsteigen, dessen Sitze meinen Hintern und den der anderen wärmen oder wieder abkühlen kann, in welchem ich mich geschützt fühle und das Ganze halt einfach saucool ausschaut.

Meine Ansicht dahingehend hat sich geändert.

 

Mittlerweile schrecke ich nachts regelmäßig hoch, wenn irgendwelche %&/§$&* - Menschen meinen, die innere Haltung à la "Je lauter der Auspuff, desto geiler bin ich. Yeeah!" sei erstrebenswert.

Geht natürlich auch mit einem 200 PS starken Motorrad (By the way: Wieso man Motorräder mit soviel PS überhaupt auf den Straßen erlaubt, ist mir schleierhaft... sage ich als Motorradführerscheinbesitzerin).

 

Aber bleiben wir mal bei den Autos (die ja auch gern mal durchschnittlich  170 PS unterm Hintern haben. By the way Nr. 2: ungeachtet aller Diskussionen übers Klima kaufen wir Deutschen fröhlich weiterhin Neuwagen mit immer mehr Leistung. Nicht egal!).

Da wird innerhalb der Ortschaft Gas gegeben, kurzzeitig eine Spitzengeschwindigkeit von geschätzten 124 km/h erreicht, an der Kurve abgebremst, um dann wieder nach der Kurve Vollgas zu geben. Dann kracht es aus dem Auspuff und im Idealfall dröhnt der betörende Bass aus der Musikanlage so laut, dass es die frischgezupften Augenbrauen des Autofahrers anhebt.

 

Ich frage mich: Wozu?

Gibt es immer noch allen ernstes Menschen, die glauben, durch die Lautstärke des Auspuffs könne man den Selbstwert nachhaltig beeinflussen?

Dann komme ich nämlich auf eine weitere, sich darauf logisch aufbauende, Frage:

Wieso pupsen diese Menschen nicht einfach genau so laut wie sie Auto fahren? Wär auf jedenfall gesünder.

Im einen Fall ist der Geruch meistens unangenehm und v.a. ungesund, im anderen ist es eher gesund und man riecht eventuell gar nichts, weil der "Wind gut steht". (hihi)

Nun gut, vielleicht pupsen diese auspuffgesteuerten Menschen tatsächlich in ihrem Umfeld auch, jedoch habe ich davon bisher noch nichts gehört - im wahrsten Sinne.

 

Selbstbewusstsein. Selbstwert. Wertschätzung.

Den eigenen Wert erkennen, so wirklich richtig tief innendrin... eine Aufgabe, die nicht leicht ist, doch nicht unmöglich.

Fakt ist, dass sich der eigene Wert und das eigene Selbst nicht über den Auspuff beeindrucken lassen. 

Fakt ist, dass jeder Mensch damit sein ganzes Leben lang beschäftigt ist, seinen eigenen persönlichen Weg dorthin zu finden.

 

Ich bin in einem sehr liebevollen und behüteten Umfeld groß geworden. Familie, Freunde, Nachbarn, die Umgebung, auch landschaftlich,... das alles gab mir wahnsinnig viel Wärme und Liebe mit.

Und doch habe ich an meinem eigenen Selbst und meiner Wertschätzung mir selbst gegenüber hart arbeiten müssen. Ich fand mich trotzdem lange nicht gut, ausreichend,... eher immer mangelhaft. Woher das kam, weiss ich wirklich nicht. Alles was ich tat war für mich, ganz allein, nicht gut genug. Da konnten die Menschen um mich herum noch so oft sagen, wie toll sie dies oder das finden.

Es ist ein Trugschluss, dass man "nur" in einem tollen Umfeld aufwachsen muss, und dann kommt der Rest von allein.

Keine Ahnung wieso das bei mir so war, doch habe ich viele Jahre, viel Schmerz und Leid zurückgelegt, um mittlerweile sagen zu können, dass ich mich endlich SELBST WERTSCHÄTZEN kann.


Ob man will oder nicht: Mensch benötigt den Schmerz und die tiefen Täler, um mehr an seinen eigenen inneren Kern zu stoßen.

Vielleicht sind so viele laute Auspuffe und Geräusche in der Welt unterwegs, damit man die innere Stimme und den inneren Schmerz nicht hören kann/muss?!

Ich finde diesen Gedanken überhaupt nicht abwegig.

 

Meine Erfahrung in den letzten 20 Jahren zeigt mir deutlich, dass wir unweigerlich bei Bedrohung an Leib und Seele durch Krisensituationen, Krankheit, Leid in jedweder Form oder Tod an die innere Stimme und den eigenen zutiefst liegenden Schmerz regelrecht gestoßen werden.

Wie damit umgegangen wird ist jedem selbst überlassen.

In all den Jahren kann ich es an einer Hand abzählen, wie oft sich Menschen in Not vor mir und anderen verschlossen haben.

Sobald wahrhaftige Begegnung aus vollster Liebe zu mir und meinem Gegenüber stattfindet, kann nichts Schlimmes passieren. Nichts.

 

Das Einzige was mancher vielleicht in solchen Situationen als "schlimm" empfinden könnten, wäre, dass sich Mensch vor jemand anderem (gar Fremden) öffnet und die vermeintlich unguten Emotionen herausgelassen werden, die sich durch Tränen, Schreien, Trauer, Wut, usw. zeigen.

Warum empfinden das manche immer noch als schlimm?

Das ist so schlimm, dass es noch als schlimm empfunden wird. Und sooo unnötig.

DAS zu teilen, die Emotionen, ist ein unglaublicher Türöffner zu sich selbst und zu meinem Nächsten. Und es bringt eine unfassbare Erleichterung in uns zutage. Innere und äußere Verspannungen lösen sich bei mir und meinem Umfeld. Ich kann endlich Luft ablassen. 

Es wird sich wahrhaftig mit-geteilt und in Windeseile eine Nähe hergestellt, die uns im Herzen trifft.

Und darum geht es.

 

Es gibt Phasen im Leben, die unglaublich anstrengend und zermürbend sind. Phasen, in denen ein "strengerer Wind" weht und wir nur schwer die Freuden des Lebens sehen, geschweige denn schätzen können.

Stürme tauchen auf, Bäume stürzen über uns ein, Äste hängen uns weniger elegant im Haar, das Meer, was u.a. als Sinnbild für unsere tiefsten Gefühle steht, bauscht sich auf, Wellen zerbersten an allen sich anbietenden Stellen, der (Meeres-)Grund ist nicht mehr zu sehen... Was für ein Bild!

Wie viel Kraft hinter all dem steckt. Es ist überwältigend und nicht wirklich zu begreifen.

 

Wir brauchen die Stürme und Winde so sehr, um endlich weiter zu kommen.

Es bringt nichts, die Augen davor zu verschließen.

Doch es bringt was, sich hin und wieder die Ohren zuzuhalten, um den Lärm von außen nicht zu seinem eigenen Inneren zu machen.

 

Bevor wir vom Winde verweht werden, gibt es so viele Schätze in uns und anderen, die sich unverschämt lohnen, geborgen zu werden.

Also: geht graben!

Auf geht's!

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Michael (Sonntag, 27 September 2020 23:07)

    Liebe Miriam,

    du sprichst mir aus dem Herzen. Ich bin zwar nicht misophon, aber pupsende Autos und Motorräder mit 100 im ersten Gang nerven mich ganz ungemein, nein, sie machen mich stinkwütend.
    Ich stimme deiner Vermutung zu, dass das was mit Selbstwert zu tun hat - und dann kann ich wieder empathisch sein und irgendwie tun sie mir leid.
    Und ja, es gibt bessere und auf Dauer glücklich machende Wege.

    Alles Liebe, Michael