Da streiten sich die Geister

 

Unterschiedliche Ansätze führen zum selben Ende

 

Wir alle gehen! Nur wie?

 

Warum können wir nicht völlig offen darüber reden und die damit verbundenen Gefühlen teilen, so, wie wir uns über die neuesten Angebote jeden 1. Donnerstag eines Monats vom Supermarkt um die Ecke unterhalten?

 

"Hast du schon gehört? Kommenden Donnerstag gibt es ein Bastel-Set für Kids. Damit können die Kleinen ihren eigenen Sarg bauen und anmalen - in Miniatur natürlich. Ich glaube das kauf ich meiner Kleinen, die war so fleißig in der Schule, und am besten noch fünf weitere... *lach... kicher* - Dann hab ich gleich schon Geschenke für die kommenden Kindergeburtstage."...*Arm-tätschel-Frisur-richt*

 

So ein buntes, schönes Fest für unsre Kleinen, bei denen sie ähnlich wie beim Totenfest der Mexikaner - Día de los Muertos - über den Parkett-, Stein- oder Teppichboden auf einer nachgebastelten gepflasterten Knochenstraße entlang lachen, feiern und tanzen können.

Topfschlagen wird dann mit einem künstlichen Oberschenkelhalsknochen und dem selbstgebastelten Miniatur-Sarg absolviert.

Die Großen führen wie immer völlig normal Gespräche über die bereits Verstorbenen, über das Sterben an sich bei einem oder zwei Gläsern gutem Todwein und Urnen-Cracker mit glutenfreien Ascheflocken obendruff.

 

Wär das nicht schön?

Könnten wir dadurch nicht alle diese unfassbar große Hemmschwelle überwinden, die so viele von uns das ganze liebe Leben lang lähmt? Wow. Vier L's hintereinander:

LLLL - "liebe Leben lang lähmt"

Geht das mit T auch?

TTTT - "Tote tadeln tierisch toll" oder

"Tragisch: Tote tranken Teer".

Ach, nee... besser: "tranken Tote tonnenweise Tonic?"

"Tabubruch Tod: Thanatologe tanzt!"

 

Das ist auch sowas:

mein Chef z.B., Robin, ist Bestatter Meister und zusätzlich ausgebildeter Thanatologe. Er kennt sich unglaublich gut mit den ganzen Körperflüssigkeiten, Einbalsamierungsarten und Handgriffen aus, die man für eine würdevolle Aufbahrung eines Verstorbenen benötigt.

Hinzu ist er auf Verstorbene durch Gewalteinwirkung spezialisiert. Wirklich unglaublich was er mir bisher aus seinen Erfahrungen erzählt hat.

Ich träume von einem Podcast mit ihm. Und dann soll Robin aus seinem "Sargkästchen" plaudern. Es braucht viel mehr Menschen, die über SO ETWAS sprechen und das T-T-T-Tabu T-T-T-Thema T-T-T-Tod an den Mensch bringen.

Wir müssen reden. Alle miteinander. Immer und immer wieder.

 

Es gibt viele unmenschliche Tode, Tode, die jemand nicht "verdient" hat, gewaltige und plötzliche Tode, Morde, langsames Sterben,...

Niemand wünscht sich zu leiden. Selbst ein*e Sadomasochist*in wird, kurz bevor es kritisch wird, den letzten Funken Überlebenswillen spüren - um seiner/ihrer selbst willen.

 

Wenn sich jemand selbst töten möchte, das Leben selbstbestimmt beendet, dann kann und darf man diese Entscheidung nicht verurteilen.

Was ich mich jedoch an dieser Stelle frage, ist, wie viele von denen, die nach Selbstbestimmtheit für ein Lebensende streben, haben tatsächlich bis dato selbstbestimmt gelebt?

 

Gehen wir davon aus, dass es hier in Deutschland genauso gesetzlich erlaubt wäre wie in Belgien, den Niederlanden oder der Schweiz - was wäre die Schlussfolgerung für viele kranke, alte oder junge Menschen, die unter seelischen oder/und körperlichen Qualen leiden?

Ja klar, sie hätten dann endlich den Freifahrtschein einen Tag gemeinsam mit einer dafür nötigen "Einrichtung" zu bestimmen, an dem sie ihre Karte ins Jenseits einlösen können.

 

Befragt man viele der Kranken und Pflegebedürftigen, dann fällt meistens das Argument "Niemandem zur Last fallen wollen". Verständlich. Auch für mich ist dies eine der größten Lebensaufgaben, Hilfe von anderen anzunehmen. Und da spreche ich bereits davon, wenn mir jemand eine Suppe vorbei bringen mag, wenn ich krank im Bett liege.

 

Was ist mit den Kindern, die an Krebs leiden und nicht mehr leben wollen? Gibt es das, dass Kinder nicht mehr leben wollen?

Für die meisten Kinder, die ich in den letzten 15 Jahren beim Sterben begleitet habe, ist ein starkes und liebevolles Umfeld das Wichtigste. Sobald die Eltern oder Großeltern den nahestehenden Tod nicht akzeptieren können (und dafür habe ich auch absolutes Verständnis), dann wird es dem Kind und der sich darin befindenden Seele noch schwerer fallen zu gehn.

 

Ich erinnere mich an die 5-jährige (nennen wir sie) Sofia.

Auf dem Gang der Kinderonkologie kniete ihr Vater weinend vor ihr, kurz nachdem er gemeinsam mit Sofias Mama von den Ärzten erfahren hat, dass die Therapien leider nicht anschlagen und man ihre Tochter palliativ behandeln muss.

Sofia hielt in der einen Hand ihre Puppe fest, sah ihren Papa an, streichelte mit der anderen freien Hand sein Gesicht und sagte: "Ach Papa, jetzt sei doch nicht traurig. Das gehört dazu. Außerdem werd ich doch von Opa abgeholt. Wir passen dann von oben auf dich und Mama und Oma auf."

Selbstredend dass wir alle, die diese Szene mitbekommen haben, die Tränen nicht verkneifen konnten. Es war herzzerreißend. Und irgendwie auch schön. Diese Selbstverständlichkeit der Kleinen, dass das eben so ist.

 

Bei den etwas älteren Kindern habe ich es manchmal schwieriger erlebt.

Bei dem 13-jährigen (nennen wir ihn) Moritz lag sehr viel Wut und Enttäuschung im Zimmer. Immer wieder hörte man ihn bis auf dem Gang "NEEEIN!" schreien, als er von seinen Eltern und den Ärzten erfuhr, dass auch er den Krebs nicht überleben werde.

 

Ein 13-jähriger Mensch hat eben auch schon eine etwas konkretere Vorstellung davon was es bedeuten könnte, erwachsen zu werden, verliebt zu sein, Träume in der Zukunft zu haben, zu sehen, dass andere im selben Alter so unbeschwert durchs Schwimmbad und in die Eisdiele rennen, sich über die Schule aufregen und Hausis doof finden.

Die meisten schwerkranken Jugendliche wünschen sich nichts mehr, als wieder solche "Probleme" zu haben.

 

 

Zurück zum Selbstbestimmten-Dings:

 

Sollte es erlaubt sein, sich selbstbestimmt von dieser Welt zu verabschieden, dann wird sicher z.B. hinter der ein oder anderen vorgehaltenen Hand geflüstert: "Jetzt ist es schon erlaubt, sich selbst zu töten... warum macht das denn der Gustl nicht endlich? Der Arme, er leidet doch so und seine Frau eigentlich noch viel mehr."

Wo führt das hin?

 

Jedenfalls führt es uns weg von unserem ursprünglichen und natürlichen Weg.

Die Palliativmedizin ist ein wahrer Segen.

Körperlich muss niemand leiden. Es gibt u.a. die Möglichkeit sich sedieren zu lassen, damit der Körper von den Strapazen erlöst wird. Und dann bekommt nämlich die Seele (ja, die gehört da eigentlich gleich ganz vorne in die erste Reihe aufgelistet) die Möglichkeit ihren Weg anzutreten. Egal in welche Richtung.

Solange der Körper durch anderweitige Medikamente oder Gerätschaften am Leben erhalten wird, ist die Seele verwirrt, weil sie keine freie Bahn hat ihren ganz eigenen Weg zu finden.

 

Am Ende ist es immer wieder die Seele, die den finalen Weg einschlägt. Wir dürfen nur nicht so laut immer daneben stehen und gegen diese durch unlautere Mittel (im wahrsten Sinne des Wortes) ankämpfen.

 

Ich habe jahrelang unzählige Menschen in Pflegeheimen liegen sehen -  mit verkrampften Händen und Füßen, starrem Blick zur Decke oder geschlossenen Augen.

Wir müssen aufhören zu glauben, dass dieser Menschen von außen nichts mehr mitbekommt.

Ich habe so viele Bilder im Kopf von Alten vermeintlich weggetretenen Menschen, an deren Wange eine Träne herunterkullerte, wenn Lieder gesungen oder ihnen eine schöne Geschichte erzählt wurde.

Es hilft auch Dinge in deren Gegenwart auszusprechen, wie:

"Was beschäftigt dich noch, Hans, oder Herr Mayer? Was hält dich hier fest, Frau Ingrid?"

Oder auch von jungen Menschen, die ins Koma gefallen sind oder bereits als Hirntod galten.

Bei manchen spürt man richtig, wie die Seele noch nicht verstanden hat, was "los" ist.

 

Es ist eine sehr eigene und hochsensible Schwingung im Raum. Es liegt an jedem selbst, ob er/sie diese wahrnehmen will oder nicht. Sowohl beim Sterbenden als auch beim Mitanwesenden.

Solange ich selbst weiterhin Angst davor habe, neben einem (ich nenne es jetzt mal) "ent-rückten" Menschen Platz zu nehmen, Angst habe, das auszusprechen, was klar im Raum steht, dann hilft das der Seele in diesem gefangenen Körper recht wenig bis gar nicht.

Sprecht miteinander. Im Leben und über die Grenzen hinaus. Über alles, was Euch beschäftigt. Ohne Selbstmitleid, sondern mit Mitgefühl für alles um Euch herum.

 

Wahrhaftige Begegnung ist ein Panzertüröffner.

In alle Richtungen!

 

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