Ist das nicht zu krass?

 

Ein Versuch, die Segel aus den Ohren zu nehmen

 

Ich wollte von meiner ersten Woche beim Bestatter schreiben.

Doch ich muss Prioritäten setzen. Mir brennt seit Wochen schon was unter dem Hut, unter der Haut, den Fingernägeln oder wo auch immer... ach, wie ich diese Sprichwort-Versprecher liebe... aber zurück zum Eigentlichen.

Folgende Gedanken nämlich:

 

Kann ich sowas machen?

Mit sowas meine ich diese Seite ins Leben rufen, Frau Endlich, und die damit für mich so wichtigen Themen Humor, Tod, Trauer, Sterben, Lachen,... genau diese scheinbar konträren Themen eben, zusammenbringen, ohne  Augenbrauenhochzieher.innen und Kopfschüttler.innen (oder eine Kombination aus beiden) vor den Kopf zu stoßen.

 

Wer erlaubt mir eigentlich dieses so schwere und unsäglich traurige Thema derart anzupacken und allen Ernstes Humor und Tod in einem Atemzug zu nennen? Da lächelt jemand (ich) auf einer Seite (Frau Endlich), obwohl es hier um Tod, Trauer, Sterben, Abschied und Endlichkeit geht... unmöglich - das!
Ernsthaft!

 

Muss ich damit rechnen, dass Frau Endlich einigen Menschen aufstoßen und sie weiterklicken lässt?! Um es kurz zu machen: ja.

Ja, es wird empörte oder akut durch einen Tod betroffene, evtl. sogar traumatisierte Menschen geben, die auf meinen Blog stoßen und meine Welt (erstmal) nicht verstehen können. Wie auch, wenn deren eigene Welt gerade Kopf steht und der Schmerz vor lauter Trauer und Wut einen regelrecht lähmt!?

Kann ich es diesen Menschen übel nehmen? Natürlich nicht.

Nein, denn niemand ist wie Du - niemand wie ich!

Selbst meine eineiige Zwillingsschwester, die ich nicht habe, könnte nicht so sein wie ich. Das geht nicht.

Die Eine hat etwas erlebt, was die Andere nicht 1 zu 1 nachfühlen konnte bzw. kann. Der Eine kann eben nicht in die Gefühlswelt des anderen hinein-fühlen oder schauen. Niemals. Geht nicht. So war es und wird es immer sein. Obwohl ich solche Verallgemeinerungen nicht mag - in diesem einen Fall stimmt's. Amen.

 

Was kann ich diesen Menschen entgegnen und wie ihnen die Tür zu meiner Welt öffnen, damit sie verstehen, warum ich sowas, DAS HIER, Frau Endlich endlich mache und für so unfassbar wichtig und im wahrsten Sinne des Wortes für "nicht unmöglich" halte?

 

Um auf eine meiner eigenen oben gestellten Fragen eine erste Antwort zu geben: Ich erlaube mir selbst das Thema Tod, Trauer, Sterben mit Humor und Leichtigkeit anzugehen, da ich mich seit vielen Jahren mit Krisensituationen auseinandersetze. Allen voran meine eigenen Krisen, aber auch die um mich herum stattfindenden, nach denen ich (aktiv) gesucht habe und weiterhin suche.

 

Mich mit meiner eigenen tiefen und scheinbar endlosen Traurigkeit, sowie der persönlichen Endlich-keit auseinanderzusetzen, ist etwas, mit dem ich bis an mein Lebensende zu tun haben werde. Es gab Zeiten, da hätt ich gern einfach nur über Einkaufen, Shopping, Blumen, Autos oder Fußball nachgedacht. Funktioniert bei mir nicht. Es ist fast schon wie ein Zwang mich mit der SHATT-Thematik auseinanderzusetzen.

(SHATT hab ich gerade neu erfunden: Sterben, Humor, Abschied, Trauer, Tod).

Genau genommen ist eine Auseinandersetzung mit Tod & Co. vergleichbar mit Yoga oder Muskeltraining. Wenn man den Herabschauenden Hund und die 10- (okaaaay....) 3-kg-Hantel nicht in seine alltägliche Routine einbaut, wird man schnell rostig in den Gelenken und Muskeln verschwinden oder fallen der Schwerkraft zum Opfer.

Wenn ich nicht hin und wieder an meine eigene Endlichkeit denke, verliere ich den Bezug zum Hier & Jetzt und entscheide über meine hier noch verbleibende LEBENSZEIT (ganz wichtiges Wort!) gelinde gesagt leicht-sinniger und sinn-freier.

 

Ich habe so endlos viel über meine Endlich-keit und die meiner Liebsten geweint. Das Komische: Jede geweinte Träne bringt mich näher zu mir und beruhigt mich. Irgendwie. Und ich weiss, dass ich noch nicht ausgeweint habe. Da wird mehr kommen. Ja. Blöd!

 

Mit knapp 5 Jahren begann ich mir immer wieder vorzustellen wie ich auf meiner eigenen Beerdigung bin und mich selbst beweine. Von unterschiedlichen Positionen habe ich mich gesehen, über mir fliegend, manchmal neben meinem eigenen Sarg stehend. Ich dachte, wenn ich früh genug anfange um mich zu weinen, also "voraus"zuweinen, wird es später nicht so schlimm, sollte ich oder jemand aus meiner Familie, von meinen Freunden sterben.

Zurecht darf man sich fragen: "Warum hat sie das gemacht?"

Zurechtgelegt hab ich mir die Antwort: "Das liegt in meinem Naturell."

 

Ich wollte schon früh als Kind verstehen, warum jemand lacht oder weint.

Warum genau?

Während meineeine früher schnell mitweinen musste, wenn sie jemanden weinen sah, fand das jemand anderes nicht so "beweinenswert".

Während sich damals wie heute jemand über einen Clown im Zirkus krummlachen kann, kommt aus mir heute wie damals nur selten ein wirklich herzhaftes Lachen heraus.

 

Und nun bin ich selbst Clown geworden... wie abstrus! Ts. 

Und dann geh ich auch noch als Clown in Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Hospize oder in Krisengebiete in Syrien oder der Türkei.

Ich habe Sätze gehört, wie: "Als hätten es die Menschen dort nicht eh schon schwer genug... muss das sein?"

Dabei ist es den obigen Satzaussprechern egal, ob ich in Syrien, im Krankenhaus bei Kindern oder Erwachsenen oder sonstwo unterwegs war und versucht habe ein Lächeln, eine Erleichterung den betroffenen Menschen zu verschaffen.

 

Ganz zu Beginn meiner Arbeit in Krisengebieten als Clown haben mich solche Sätze verunsichert. Ich hatte immer das Gefühl mich dafür rechtfertigen zu müssen, warum und wozu und überhaupt. Und eine Rechtfertigung habe ich ehrlich gesagt auch von mir selbst erwartet. Es war ein Gefühl das mich dorthin gebracht hat. Es kann doch nicht sein, dass alles nur schwarz, dunkel und schwer sein muss. Es gibt doch immer auch eine andere Seite - bei allem auf der ganzen Welt, in meiner Welt, im Zwischenmenschlichen und letztlich auch in der Natur.

 

Mittlerweile habe ich so viele positive Erfahrungen machen können, über Jaaaaahre, die mir niemand nehmen kann.

Kritik gegenüber meiner jahrelangen Arbeit kann Mensch nur dann äußern, wenn Mensch mich nicht kennt und keine Ahnung von dieser speziellen Arbeit  und den damit verbundenen Erlebnissen und Gefühlslagen hat.

Wer selbst mindestens einmal unter (auch eigenen) schwierigen Umständen eine rote Nase aufgesetzt und versucht hat, jemand anderem einen Augenblick der Leichtigkeit zu schenken, darf mitreden.

 

Ich erfinde hier keine neuen Erkenntnisse. Einige meiner Gedanken tauchen bereits tausendmal in anderen Büchern oder Gedankenwelten auf, wurden vielleicht ganz früher schon tatsächlich in Stein gemeißelt. Doch jeder Mensch ist einzigartig, lebt und fühlt auf seine ganz eigene Art.

 

Die (bisher) größten Erkenntnisse in all den Jahren sind:

  • Mensch braucht Liebe und Wertschätzung zum Überleben. Er/Sie will gesehen, geliebt, wertgeschätzt und in schweren Zeiten "ausgehalten" und getragen werden.
  • Mensch ist in sehr vielen Momenten froh über Leichtigkeit und Freude. Gerade wenn's schwer wird.
  • Mensch ist dankbar, wenn (oft unerwartete) Hilfestellung angeboten und dadurch ein kleiner Funke an Lebendigkeit bei all der Lähmung durch die eigene Not wieder aufgeweckt wird.

 

Und der Witz ist: meistens gehen die humorigen Impulse in schwierigen Momenten von den jeweils Betroffenen selbst aus.

Beispiele dafür hab ich tonnenweise in den letzten Jahren gesammelt.

Was hab' ich in syrischen Flüchtlingslagern oder in Krankenhäusern auf Krebsstationen bereits gelacht...?! Einfach so.

 

Dazu mehr in Bälde.

 

 

 

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