"Das ist Alles unter trockenen Tüchern"

 

Von Vorsorgegesprächen und anderen Gegebenheiten

 

Nachdem ich mich mittlerweile im 5. Monat meiner neuen Tätigkeit in der Bestattungsbranche befinde, möchte ich einen kurzen Zwischenbericht ablegen.

 

Es gibt so unendlich viele unterschiedliche Arten von Menschen und deshalb gibt es auch so unendlich viele unterschiedliche Arten von Toden.

Doch, ja. Meine Güte, wie viele Geschichten ich mittlerweile mitbekommen, gehört oder erlebt habe - das kann ich niemals auch nur ansatzweise in der dafür ehrwürdigen Form wiedergeben.

 

Beispiel Suizid:

Beim Thema Suizid frieren manche Menschen innerlich ein. Bloß nicht darüber reden. Das tut man nicht. Also darüber reden, aber auch sich suizidieren. Da muss das Leben schon ganz schön durcheinander geraten sein, dass jemand diesen Schritt geht.

Es gibt manche Tode, die können sich die besten Drehbuchautoren nicht ausdenken.

Selbstmord ist schlimm. Keine Frage. Was muss im Innern des jeweiligen Menschen los sein oder eben nicht mehr los sein, dass man in diesen dunklen Strudel der Selbstzerstörung gerät?

Als Kind habe ich bereits Suizide von GemeindemitgliederInnen meines Vaters mitbekommen. Dabei empfunden habe ich immer so etwas in der Art "nicht atmungsaktive Decke" über mir, über den anderen, über den Verstorbenen.

 

Ist es so, dass es anerzogen ist, bloss nicht über SOWAS zu sprechen, nicht, dass der/diejenige dann wirklich zur Tat schreitet und man am Ende auch noch am Ende des anderen Schuld trägt?

Oder ist es vielmehr so, wenn man jemanden auf dessen dunkle Wolken ums Gemüt (von außen betrachtet und oft für jeden ersichtlich, der nicht gerade einen Emotionspanzer um sich herum trägt) anspricht, ob diese denn nicht verschwinden wollen ist man schwupps im "Ich seh in allem keinen Sinn mehr"-Thema drin und das Gespräch bekommt eine solche Schwere, dass man selbst kaum noch Luft bekommt.

Spricht man jemanden deswegen nicht auf dunkle Wolken und Suizidgedanken an, weil man selbst nicht gut drauf ist oder Angst hat, selbst in solche Gedanken abzurutschen?

 

Ich habe mittlerweile gelernt, dass sich vor den Zug werfen wirklich nicht gut ist. Abgesehen davon, dass jemand zu 99% tot, der Lokführer zu 100% traumatisiert sein wird und die Polizei und der Bestatter die Bausteine wieder zusammenfinden muss, wissen die wenigsten, dass nach ca. 6 Monaten die Hinterbliebenen eine Rechnung des Zugbetreibers (DB o.Ä.) bekommen, in der Reinigungskosten sowie Zugausfallgebühren aufgelistet werden.

Die Höhe der Summe: zwischen 30.000€ und 60.000€.

Wer also seine Familie in den Ruin treiben möchte....? Bitte.

 

Es ist so bitter, bitter nötig all seinen Mut zusammen zu nehmen und Suizidgedanken an- & auszusprechen.

Was kann mehr passieren, als dass ich oder mein Gegenüber in Tränen ausbricht, weil ich/er/sie sich zum 1. Mal seit langem angenommen und gesehen fühlt?

Es gibt mehr Menschen als man denkt, die Suizidgedanken haben. Manche haben es ernsthafter doch zum Glück ohne Erfolg verfolgt, manche weniger.

 

Neulich kam ein Ende 40-Jähriger in das Bestattungsbüro, um sich mal umzuhören, wie "das denn alles" so ist, also wenn er stirbt und eine anonyme Bestattung haben will , jedoch die Eltern, die noch leben (der Kontakt leider nur nicht gut) in seine Bestattungswunschart nicht reinreden sollen. Anfangs war er noch etwas aufgeregt. Verständlich, wenn man sich höchstwahrscheinlich zum 1. Mal selbst laut Dinge aussprechen hört, die man bisher nur im Kopf hatte. Oder wenn Särge, Kissen-Decken-Garnituren und Urnen aus dem Katalog angeschaut werden, die man um sich haben muss/kann. Es wird alles plötzlich so greif- und nahbar.

 

Dieser Mann war alleinstehend und einsam.

 

Er hat sich offenbar sehr wohl gefühlt bei uns, denn auch sein Lachen kam irgendwann immer öfter aus ihm heraus. Ob er denn nun da oder dort liege, was preislich einen enormen Unterschied gemacht hätte, sei ihm ja persönlich egal, nur eben seinem Konto nicht. Außerdem wisse er ja, dass es irgendwann zack-bumm-zack vorbei sein kann.

Gute 2 Stunden später haben wir seine Wünsche festhalten, seine Fragen beantworten und eine wahrhaftige Begegnung eingehen können.

Am Ende war er froh und sichtlich erleichtert, dass er endlich mit jemanden über all das reden konnte. Er ging mit den Worten: "Ich bin froh, dass nun alles unter trockenen Tüchern ist." - ob er damit die Decken-Kissen-Garnitur meinte?

 

Sich mit jemanden über sein sicher irgendwann einmal auftretendes Ende zu unterhalten hat etwas sehr Verbindendes. Finde ich.

Es ist wirklich skuril, doch neulich habe ich meinem Chef (ich nenne ihn hier Robin, von Robin Hood) gesagt, dass ich bei jeder einzelnen Begleitung von Trauerfall, jeder Begegnung mit einem Trauernden und selbst jeder/m Toten irgendwie das Gefühl habe, dass ich diesem Menschen schon mal begegnet bin.

Zu meinem Erstaunen meinte Robin: "Ich auch."

 

Kurz darauf kam ein Ehepaar, beide Ende 60, das gemeinsam alles festhalten wollte, wie und wo sie beigesetzt werden wollen. Beide gehen davon aus, dass sie eines natürlichen Todes sterben werden.

Es hat mich sehr gerührt zu sehen, wie die beiden hin und wieder gegenseitig nach den Händen griffen, diese gegenseitig festhielten, wenn es z.B. um die essenziellen Fragen nach Sarg oder Kissen-Decken-Garnitur ging.

 

Sich vorzustellen, dass man gerade das letzte tiny Häuschen um sich herum aussucht, löst in mir ebenfalls kurzfristiges Unbehangen aus, weil ich mich sofort mit all meinem Sein im wahrsten Sinne des Wortes in diese "Räumlichkeit" hineinfühle.

Und letztlich denke ich: Ach, wär das schade.

Angenommen, ich müsste jetzt schon bald gehen... das wäre wahnsinnig bedauerlich, doch gleichzeitig bin ich neugierig was "dahinter" steckt.

 

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass wir uns alle am Ende höchstheftigst wundern werden, was uns Großartiges am Ende des Tunnels erwartet.

Um eine Ahnung davon zu bekommen, würde ich jedem empfehlen ein Praktikum beim Bestatter zu machen oder sich in der Hospizarbeit zu engagieren.

Wer mit Sterbenden und Toten zu tun hat, wird einen Hauch davon abbekommen, was es bedeutet auf die andere Seite zu gehen.

Die (körperliche) Hülle wird abgestriffen und die Party kann beginnen.

 

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